Tag 13 – Der Fahrplan
„Fahrplan“ steht in Yvonne Kraus‘ Buch „Ein Roman in 60 Tagen“.
Nein, sie meint damit nicht, dass ich die Seite der Deutschen Bundesbahn aufrufen und abschreiben soll, weil sie mir immer noch grollt. Sie meint damit, einen Plan, auf dem ich festlege, was wann passiert.
Sie spricht von Rückblenden, und ich frage mich, wie ich so etwas in ein Bilderbuch einbauen soll? Sie weist mich noch auf allerlei Feinheiten hin, die aber an mir vorüberziehen. Ich wollte doch nur beschreiben, wie ein kleiner Junge lernt, Flöte zu spielen. Muss ich mir da wirklich überlegen, ob es im Mittelalter bereits Dampfschiffe gab oder wann der erste Mensch auf dem Mond gelandet ist?
„Nein“, antwortet Frau Kraus, als sie meinen glasigen Blick sieht. „Ich hab diesen Leitfaden für jede Art Roman geschrieben.“
Sie kann offenbar Gedanken lesen und weil sie das kann, beantwortet sie in ihrem Buch gewissenhaft jede mögliche Konstellation.
Sie weist mich an, eine Ode über den Einfluss der Zeit auf meine Handlung zu schreiben.
Wie bitte?
Sie dachte, das sei für mich als Autorin kein Problem.
„Der Textkörper eines Bilderbuches verlangt nicht zwingend, dass ich die Geschichte reime“, erkläre ich.
Dann halt ungereimt, gestattet sie mir huldvoll.
Das ist einfach: Wer täglich übt, wird besser spielen.
„Ist das alles?“, will Frau Kraus wissen.
Als sie mich nicken sieht, murmelt sie etwas wie: „Kein Wunder, dass das kein Roman wird!“