Tag 11 – Die Statist*innen

Für heute hat  sich Frau Kraus schon wieder ein Casting in den Kopf gesetzt. Ob das denn wirklich sein müsse, frage ich. Sie weist stumm auf ihr Buch „Ein Roman in 60 Tagen“.

Auch das geht vorüber. Bisher war das alles eher friedlich abgelaufen. Das lag vielleicht daran, dass der Kreis, aus dem ich wählen konnte, überschaubar war. Aber heute ist der Bär los. Jeder Hansel fühlt sich als Statist berufen. Dabei kann ich dafür nicht jeden brauchen.

Einer ist direkt zum Trecker gelaufen und hat sofort angefangen ihn zu putzen, um zu zeigen, dass er sich für nichts zu blöd ist. Immerhin ist jetzt der Trecker sauber, da kann ich ihn besser malen.

Manche haben sich ziemlich aufgebrezelt. Da ist ein Hahn mit Sonnenbrille und ein Eichhörnchen mit Hoodie. Die haben Nerven.

Mona und Kimberly, zwei Mädchen hopsen über den Hof und gehen mir ziemlich auf die Nerven. Wie solle ich die malen, wenn sie nicht mal kurz still halten?

Ich nehm‘ einfach die, die zuerst stehen bleibt.

Nicht auszuhalten, dieses Gehopse!

In der Ecke döst ein Hund. Den hat wohl irgendjemand mitgebracht.

„Der Hund ist engagiert“, sage ich.

Kimberly hört sofort auf zu hopsen und stupst Mona an.

„Kimberly auch“, verkünde ich.

Jetzt sind alle mucksmäuschenstill. Das bleibt bestimmt nicht lange so. Ich muss zusehen, dass ich so schnell wie möglich fertig werde. Ich deute auf wahllos, auf die anwesenden drei Kühe, auf ein paar Hühner, das Eichhörnchen, einen Vogel und eine Dame, die Häppchen herumreicht.

„Ich bin nicht hier nur fürs Catering zuständig, nicht fürs Casting“, wehrt sie ab.

„Ihre Jobbeschreibung hat sich soeben erweitert“, erkläre ich ihr.

„Ich kann das bestimmt nicht“, erklärt sie zurück.

„Sie müssen nur lächeln“, erwidere ich.

Sie runzelt die Stirn, als müsste sie überlegen, wie man lächelt. Vielleicht will sie aber demonstrieren, dass sie für die Aufgabe ungeeignet ist.

Dann lächelt sie kurz.

„So, das war’s“, sagt sie. „Ich hoffe, sie haben das festgehalten. Ich muss zurück.“

„Kein Problem“, antworte ich. „Aber nehmen sie bitte alle mit, die keine Aufgabe bekommen haben.“

Frau Kraus, Sie sind eine hervorragende Lehrerin. Jetzt weiß ich, wie ich andere dazu bringe, meinen Job zu machen.

 

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